Jugendkultur
Spuren des christlichen Glaubens in der Jugendkultur
Von Ulrich Kriehn
Wie können christliche Pädagogen an die Jugendkultur anknüpfen? Wo gibt es Bezüge zum christlichen Glauben zum Beispiel in der Kunst? Der Literaturwissenschaftler Ulrich Kriehn gibt dazu in diesem Beitrag ein Beispiel.
First we take Manhattan. Then we take Berlin. Diese nüchternen Sätze sind Teile eines Liedes von Leonard Cohen, und sie wurden wohl auch durch die Interpretation von Joe Cocker so populär, dass selbst eine norwegische Krimi-Autorin der düsteren Art, Karin Fossum, sie als Zitate gekonnt einbaut. Der weit über 70-jährige Cohen, der trotz bedenklicher Stimmschwäche ( Spötter sagen, sein Tonumfang betrage exakt drei Noten...) immer noch präsent ist, brillierte vor seiner Karriere als Rocksänger aber vor allem als Lyriker und Schriftsteller, damals in Nischenverlagen, heute in jeder Kulturbeilage hochgeschätzt.
1966 schrieb Cohen sein wohl bekanntestes Lied „Suzanne“, eine metaphorisch verschlüsselte Ballade über eine rätselhafte Person, in der aber in der 2. Strophe plötzlich ganz Unerwartetes zu lesen und zu hören ist:
and jesus was a sailor/
when he walked upon the water/
and he spend a long time watching/
from his lonely wooden tower/
and when he knew for certain/
only drowning men could see him/
he said: all men will be sailors/
then until the sea shall free them/
but he himself was broken/
long before the sky would open/
forsaken almost human/
he sank beneath your wisdom like a stone.
Was hier in einer interessanten Harmonieführung, begleitet von einer akustischen Gitarre und einem Chor, der Cohens brüchigen Sprechgesang etwas hörfreundlicher gestaltet, vorgetragen wird, lädt zu genauerem Lesen und Übersetzen ein.
Einzelne Bilder stammen aus dem Leben Jesu, er lief über das Wasser, der einsame Holzturm kann als nicht ganz stilsichere Deutung des Kreuzes gesehen werden, und der Spruch „nur Ertrinkende können ihn sehen“ bezieht sich auf Worte Jesu, dass die Gesunden keinen Arzt brauchen, aber die Kranken. Und hier wird es faszinierend: im Neuen Testament ist immer wieder zu sehen, dass es exakt die Menschen am Rande, die ohne Hoffnung, die wortwörtlich „Ertrinkenden“ in den unruhigen Fluten der Zeit und der Welt sind, die sich Jesus nähern und sich ihm öffnen. Die Machtmenschen und Etablierten ließen sich – von Ausnahmen abgesehen – gar nicht auf ihn ein, sondern lehnten ihn und sein Auftreten a priori ab. Die „Mühseligen und Beladenen“, Dostojewski hat das später auch „die Erniedrigten und Beleidigten“ genannt, die suchten seine Nähe, weil sie ahnten, dass hier mehr war als nur flüchtiges Gerede und Versprechungen.
„Sailor“ – wörtlich übersetzt Seemann, aber die Anspielung auf die Fischer am See Genezareth ist offenkundig. Jesus beruft Fischer in seine Nachfolge, er lebt mit ihnen, seine Gleichnisse handeln oft vom Fischen (das Reich Gottes ist gleich einem Netz) nach der Auferstehung zeigt er sich seinen Jüngern wieder am Ufer, und vor allem sein Auftrag „Ihr sollt Menschenfischer werden“ wird von Cohen fast wörtlich umgesetzt „all men will be sailors“ und wozu? Damit sie die See eines Tages befreit!
Das Element der See und des Meeres ist Wasser – auch hier springen die Parallelen ins Auge. Das Wasser des Lebens, das Wasser der Taufe, Wasser als Symbol für Reinigung und Neuanfang, mit der eine Befreiung von dem früheren Leben möglich ist, diese Zusagen werden bei Cohen in eine ferne Zukunft verlegt, während nun ganz krass und realistisch das Ende Jesu kommt. Er wurde zerbrochen – bei der Kreuzigung wurden die Beine am Schluss zerbrochen, um den Tod zu beschleunigen – und Cohen verbindet dies wieder mit der Wasser-Metapher, nach der Jesus, lange bevor sich der Himmel jemals öffnen wird, unter der menschlichen Weisheit(!) vergessen, „wie ein Mensch“ untergeht.
Unter der menschlichen Weisheit – Robert Zimmermann, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Bob Dylan, der demselben geistig-kulturellen Kontext wie Cohen entstammt, hat unter eine seiner „frommen Aufnahmen“ einmal den Satz gesetzt: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du solches den Klugen und Weisen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart“ (Matthäus 11,25).
So wünschenswert scharfes Denken und ein klarer Verstand sind – vor dem, was sich in Jesus offenbarte, versagt das. Die Unmündigen, das sind ja nicht die „Dummen“, wie ein triviales Verständnis meinen könnte: nein, es sind die, die erkannt haben, dass „es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als eure Schulweisheit sich träumen lässt“ (Shakespeare), und dass ein Zitat von Manfred Siebald, einer unbestritten klugen Person, hier besser passt:
und so bin ich noch immer /
hier in seiner Hand/
und mein Dank ist grösser als mein Denken/
so wie seine Liebe tiefer ist als mein Verstand/
Liebe hält mich noch immer hier in seiner Hand.
Leonard Cohen war nie „christlicher Sänger“ und bei anderen war das auch meist nur eine kurze Episode ihres Lebens. Aber das ändert nichts an der Vielfalt der Gedanken, die er seinem Leser und Hörer zumutet – und diese Zumutung regt mehr an als leere Worte in blassen Predigten, sie mutet dem
Rezipienten zu, dass er eine Antwort sucht, sich auf den Weg macht. Vielleicht ahnen einige, die sich auf den Weg machen, dass sie einer Person nachfolgen, die ihre Einladung nicht mit der Wahrheit, sondern mit dem Weg begonnen hat. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, wer sich mit Jesus auf den Weg macht, der kann die Wahrheit und das Leben finden. Und selbst wenn dies nur eine kurze Wegstrecke war wie bei vielen Poeten und Künstlern, die zeitweise christliche Phasen durchlebten, so bleiben prägende Eindrücke.
Der Nachdenklichkeit und letztlich auch Ehrfurcht, mit der sich Cohen der Person Jesu zu nähern versucht, kann sich ein Leser und Hörer nicht entziehen, und das erhebt „Suzanne“ zu einem Beispiel großer Lyrik. Sie ergreift und lässt nicht gleichgültig.
Der Autor ist promovierter Literaturwissenschaftler. Er sucht nach Spuren des Evangeliums – gerade auch in säkularer Literatur.
Aus: factum. Magazin, Berneck (Schweiz)
Redemption
Literarische Texte finden sich heute vielfältig im Bereich der Rock- und Popmusik, was auch vom Lebensgefühl näher an Schülern dran ist als die Texte der klassischen Autoren. Ich habe im Februar im Berufskolleg den Text von „Redemption“ mit Schülern im Deutschunterricht übersetzt und ihnen dann die Version von Johnny Cash, mit der Gitarre begleitet, vorgesungen.
and the blood gave life to the branches oft the tree /
and the blood was the prize that set the captives free...
Nun denn, das war schon sehr eindeutig – wenn Sie bei youtube (www.youtube.com/watch?v=I-1kEmz4ptE) die Aufnahme anhören, wie der alte Cash das in Montreux singt – und das Jazz-Publikum ist mucksmäuschenstill, das ist schon beeindruckend. Ulrich Kriehn